Selbstzahlerleistungen in der Physiotherapie

Der Gesundheitsmarkt wandelt sich. Immer mehr Menschen sind bereit, aktiv in ihre Gesundheit und ihre Fitness zu investieren. Sie suchen nach individueller Zuwendung und Leistungen, die über die klassisch verordnete Physiotherapie hinausgehen.

 

Für Physiotherapiepraxen bringt diese Entwicklung eine enorme Chance mit sich. Durch gezielte Selbstzahler-Angebote können sie sich nicht nur wirtschaftlich unabhängiger von den Krankenkassen machen und neue Wege zur Umsatzsteigerung finden. Vielmehr ermöglicht es ihnen, die Qualität der Behandlung durch mehr Zeit und spezialisierte Therapieformen zu steigern. Selbstzahler können somit dazu beitragen, die Patientenzufriedenheit nachhaltig zu erhöhen und eine Praxis zukunftssicher aufzustellen.

Was sind Selbstzahlerleistungen?

Selbstzahlerleistungen sind Heilmittel oder sonstige Angebote in der Physiotherapie, die nicht aufgrund einer ärztlichen Verordnung (Rezept) erbracht werden und vom Patienten direkt selbst bezahlt werden. Der Begriff Selbstzahler beschreibt damit Patienten und Kunden, die den Kosten-Anteil für ihre Therapie oder Leistungen vollständig oder teilweise selbst bezahlen. Abzugrenzen sind sie von den Leistungen, die gegenüber Privatpatienten erbracht und später von deren Krankenkasse erstattet werden. Vielmehr handelt es sich bei Selbstzahlerleistungen um Zusatzleistungen, die Praxen freiwillig anbieten können.

 

Die Angebote können unterschiedlich ausfallen:

Heilmittel ohne ärztliche Verordnung (nur mit einer Zusatzqualifikation, wie dem sektoralen Heilpraktiker für Physiotherapie, möglich)
Sonstige Leistungen: Präventionskurse, Fitness-Angebote sowie Personal Training
Verkauf von Produkten: Trainingsequipment, Massage- oder Physiotherapie-Produkte

Die zwei Arten des Selbstzahlers

Grundsätzlich lassen sich zwei Hauptgruppen von Selbstzahlern unterscheiden, die unterschiedliche Bedürfnisse und Ziele in der Physiotherapie verfolgen. Um effektive Selbstzahlerangebote zu entwickeln, ist es wichtig, die Motivation der eigenen Zielgruppe genau zu verstehen.

Der Aufstocker

 

Gruppe von Patienten, die bereits eine ärztliche Verordnung für eine Krankengymnastik- oder manuelle Therapie-Behandlung besitzen. Sie sind jedoch bereit, zusätzliche Therapiezeit auf eigene Kosten zu buchen, um ein höheres und nachhaltigeres therapeutisches Ergebnis zu erreichen.

 

Ziel: Die Behandlung intensivieren und die verordnete Leistung durch zusätzliche Zeit oder Wiederholungen „aufstocken“.

 

Hintergrund: Die vom Rezept abgedeckte Zeit reicht oft nicht aus, um alle individuellen Bedürfnisse des Patienten umfassend zu behandeln.

Der Zusatzleister

 

Diese Selbstzahler suchen nicht nur nach der regulären Anwendung einer klassischen Physiotherapie-Behandlung. Sie sind offen für zusätzliche therapeutische oder trainingsbezogene Leistungen, die über die Krankenkasse nicht abgedeckt werden.

 

Ziel: Prävention, allgemeine Fitness-Steigerung, langfristiges, gesundheitsförderndes Training oder Diagnostik.

 

Hintergrund: Sie möchten proaktiv in ihre Gesundheit investieren und sind bereit, die Behandlungskosten für spezifische Therapieformen selbst zu zahlen.

Selbstzahler-Angebote im Detail

Das Spektrum der Selbstzahlerleistungen ist groß, die Angebote sollten jedoch zur Vision der Praxis, der fachlichen Expertise des Teams und den räumlichen Ressourcen passen.

 

Zusätzliche Therapieangebote und Behandlungszeit
Therapeutische Kernkompetenzen für Selbstzahler ohne Rezept oder zur Ergänzung bestehender Therapie.

Zusätzliche Behandlungszeit: manuelle Therapiezeit verlängern, um tiefer auf Problemzonen einzugehen
Spezial-Behandlungen: Wellness-Massagen, spezifische Diagnostik-Checks oder Therapieformen aufgrund einer besonderen Fortbildung
Sektoraler Heilpraktiker: Physiotherapie ohne ärztliche Verordnung

Vorsorge, gerätegestützte und Trainingsangebote
Praxisausstattung nutzen, um langfristiges Training zu bieten.

Personal Training: 1:1-Betreuung, z.B. für Gerätetraining (KGG)
Präventionskurse und Gesundheitsseminare: Zertifizierte Kurse z.B. Rückenschule (oftmals zu Teilen von der Krankenkasse bezuschusst)
Digitale Trainingsangebote: Online-Kurse oder -Pläne zur Nutzung von zu Hause aus
Abos und Mitgliedschaften: ermöglichen Patienten, den Trainingsbereich zum Selbsttraining zu nutzen

Voraussetzungen für Selbstzahlerleistungen

Bevor du Selbstzahlerkonzepte in deiner Praxis etablierst, müssen zeitliche, personelle und steuerliche Rahmenbedingungen geklärt werden:

Ressourcen und Mitarbeiterqualifikation

Räumlichkeiten: Stelle sicher, dass genügend Zeit und Raum (z. B. für Gruppentraining) vorhanden sind. Die Räume für Krankengymnastik am Gerät (KGG) sind oftmals gut geeignet.

Mitarbeiterqualifikation: Wichtig ist vor allem eine spezifische Schulung und Fortbildung aller Mitarbeiter, die in diesen neuen Tätigkeitsfeldern arbeiten werden. Die kurzzeitige Investition in Ressourcen & Weiterbildung kann sich schnell auszahlen.

Qualitätsanspruch: Gesundheitsdienstleistungen müssen in derselben hochwertigen Weise wie die eigentliche Therapie vermittelt werden.

Die ärztliche Verordnung vs. sektoraler Heilpraktiker

Verfügst du oder deine Therapeuten über den sektoralen Heilpraktiker für Physiotherapie, ist es möglich, Physiotherapie auch ohne ärztliche Verordnung, Rezept oder Überweisung anzubieten.

Hast du diese Zusatzqualifikation nicht und ein Kunde benennt Beschwerden, die eine ärztliche Diagnostik wahrscheinlich erscheinen lassen oder auf eine Krankheit hindeuten, dann darf er ohne Rezept nicht behandelt werden.

Steuerliche Aspekte: Umsatz- und Gewerbesteuer 

Ob eine Leistung steuerpflichtig ist, hängt davon ab, ob sie ein therapeutisches Ziel erfüllt oder als gewerbliche Dienstleistung anzusehen ist.

Umsatzsteuer: Wenn kein therapeutisches Ziel erfüllt wird (z. B. Vermietung des Trainingsbereichs, Verkauf von Produkten), ist die Leistung umsatzsteuerpflichtig.

Gewerbesteuer: Einnahmen aus dem Verkauf von Produkten oder Leistungen, die nicht als Heilbehandlung zu werten sind (Fitness-Kurse), unterliegen der Gewerbesteuer.

Chancen durch Selbstzahler-Konzepte

Die Etablierung von Selbstzahler-Konzepten bietet die Chance, die Praxis nicht nur finanziell, sondern auch in der Qualität der Patientenversorgung und der Mitarbeiterzufriedenheit zu stärken.

Wirtschaftliche Unabhängigkeit (unabhängiger von kassenärztlichen Leistungen)
Umsatzsteigerung durch neue Einnahmequellen
Nachhaltiger Praxiserfolg
Kundenbindung & Neukunden
Individuelle Behandlung
Mitarbeiter-Entwicklung
Klare Positionierung im Markt durch zusätzliche, innovative Konzepte

Herausforderungen und Fallstricke im Selbstzahler-Bereich

Trotz der Chancen müssen Praxen auch mit einigen Herausforderungen rechnen und umgehen können.

 

Zunächst muss das Marktpotenzial für die zusätzliche Angebote geprüft werden, um sicherzustellen, dass sich der Aufwand lohnt. Die wichtigste Herausforderung ist jedoch eine gerechte Terminverteilung. Es gilt, durch effektive Personalplanung und Terminorganisation sicherzustellen, dass Patienten mit einer regulären ärztliche Verordnung nicht ausgeschlossen oder benachteiligt werden. Die Selbstzahler-Angebote sollen eine zusätzliche, ergänzende Lösung bieten, dürfen aber keinesfalls die Versorgung wirklich therapiebedürftiger Patienten erschweren oder knappe Ressourcen blockieren.

Kosten & Abrechnung für Selbstzahler

Für einen reibungslosen Ablauf sind eine transparente Preisgestaltung, die sich oft an den Sätzen für Privatpatienten orientiert, sowie eine strikte administrative Trennung von Kassenleistungen essenziell.

 

Preisgestaltung
Bei der Preiskalkulation für Selbstzahler-Behandlungskosten finden viele Praxen einen sinnvollen Weg, indem sie sich an den bewährten Sätzen für Privatpatienten orientieren. Diese Preisstruktur muss transparent einsehbar sein und dient als fairer Maßstab. Es besteht auch die Möglichkeit, die Preisgestaltung durch individuelle Pakete oder 10er-Karten flexibel anzupassen.

 

Klare Abgrenzung zur Krankenkasse
Um mögliche Konflikte mit den Krankenkassen zu vermeiden, ist eine saubere administrative Trennung der Selbstzahler-Angebote unerlässlich. Ein wichtiger Schritt ist die Erstellung separater Verträge speziell für diese Leistungen. Darüber hinaus empfiehlt sich, wo möglich, eine räumliche und zeitliche Trennung. Zusatzleistungen sollten idealerweise außerhalb der allgemeinen Öffnungszeiten der Praxis oder in separaten Räumen stattfinden, in denen keine gesetzlich versicherten Patienten im Rahmen der klassischen Therapie behandelt werden.

Aktive Sensibilisierung für Selbstzahlerleistungen

Selbstzahler-Angebote müssen aktiv kommuniziert werden. Patienten müssen aktiv über die Möglichkeiten informiert werden, mehr Therapiezeit zu buchen oder zusätzliche Therapieformen in Anspruch zu nehmen. Die Einführung eines Selbstzahler-Konzepts sollte systematisch erfolgen:

Aktuellen Stand der Praxis analysieren: Wo stehen wir? Welche Leistungen bieten wir bereits an?
Fachliche Stärken und Ressourcen identifizieren: Welche speziellen Therapieformen oder Diagnostik-Kompetenzen haben wir? Welche Qualifikationen besitzen die Therapeuten?
Räume/Ausstattung der Praxis analysieren und vorbereiten: Welche Geräte können wir für Training nutzen?
Marketingkonzept entwickeln: Wie finden die Patienten unsere neuen Angebote?
Effektive Personalplanung: Ist genügend Zeit für die neuen Termine vorhanden?

Marketing-Maßnahmen

Der Schlüssel zum Erfolg liegt in der aktiven Kommunikation der Angebote über digitale Kanäle und in der Praxis.

 

Sowohl mit digitalen als auch mit analogen Kanälen kannst du Selbstzahlerleistungen gezielt vermarkten. Vor allem digitale Präsenz mit einer gepflegten Website und einem aktiven Social Media Account kann dabei helfen, Patienten zu finden. Durch Kooperationen mit ärztlichen Praxen und lokalen Firmen hast du zusätzlich die Möglichkeit deine Reichweite zu stärken. Entscheidend ist die direkte Ansprache. Sensibilisiere Patienten aktiv für die Vorteile einer Verlängerung der Therapiezeit oder ergänzender Fitnessangebote im Rahmen der klassischen Behandlung – nicht nur beiläufig. 

 

Wichtig: Vermeide beim Vermarkten immer, nicht-medizinische Leistungen als Heilbehandlung darzustellen oder einen sicheren Erfolg zu garantieren.

Fazit

Selbstzahler-Konzepte sind mehr als nur ein Zusatzgeschäft. Sie sind mittlerweile ein strategischer Pfeiler für die Zukunftsfähigkeit deiner Physiotherapiepraxis. Indem du die Bedürfnisse der Patienten nach individueller Zuwendung und hochwertigen Zusatzleistungen erkennst, kannst du nicht nur deine Umsatzbasis erweitern, sondern auch die Attraktivität deiner Praxis als Gesundheitsdienstleister nachhaltig steigern. Mach dich unabhängiger von starren Krankenkassen-Vorgaben und investiere in die Zeit und Qualität der Behandlung, die deine Patienten verdienen.

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