Tapen in der Sportphysiotherapie

Bunte Streifen auf Schultern, Knien oder Sprunggelenken. Wer Sportler physiotherapeutisch betreut, kennt das Bild. Kinesiologie Tape wird aktuell in so vielen Bereichen eingesetzt und trotzdem gibt es immer noch viele Fragen rund um das Thema Tapen. Wann ist Kinesiologie Tape im Sport sinnvoll? Was unterscheidet es vom klassischen Sporttape? Kann es stabilisieren, obwohl es elastisch ist? Und welche Rolle spielt es in der modernen Sportphysiotherapie?

 

In unserem Onlineseminar „PINOTAPE in der Sportphysiotherapie" hat sich Thorsten Büscher genau mit diesen Fragen beschäftigt. Thorsten ist Physiotherapeut aus Köln und seit knapp 20 Jahren DOSB-lizenzierter Sportphysiotherapeut. Er verbindet dabei grundlegendes Wissen zu den Kinesiologie Tapes mit sportphysiotherapeutischen Überlegungen und zeigt euch, warum funktionelles Taping einen so festen Platz in Training und Wettkampf hat.

Entwicklung von Tape und Sportphysiotherapie

Es war nicht immer so, dass das Tapen mit Kinesiologie Tape und die Sportphysiotherapie für viele so selbstverständlich zusammengehörte. Lange wurde standardmäßig das klassische, feste Sporttape eingesetzt und elastisches Tape galt bestenfalls als ergänzende oder sogar ungewöhnliche Maßnahme.

Büscher schildert das anhand einer Beobachtung, die er über viele Jahre bei seinen
DOSB-Lizenzverlängerungen gemacht hat: Nach jedem Olympiazyklus wurde aus-
gewertet, welches Material bei den Spielen verbraucht wurde.

 

Aus seiner Sicht hat sich das Verhältnis in den vergangenen Jahren deutlich verändert. Immer mehr Athleten, auch im Spitzensport, sammeln Erfahrungen mit elastischen Tape-Anlagen. Somit ist nicht nur das Vertrauen in kinesiologisches Taping gestiegen, sondern ebenso die Zahl der Einsatzmöglichkeiten. Gerade im modernen sportphysiotherapeutischen Kontext, in dem Aktivität, funktionelle Belastung und frühe Bewegung im Vordergrund stehen, haben Tapes wie das PINOTAPE an Relevanz gewonnen.

Zwei Tapes, zwei Ansätze

Kinesiologie Tape und klassisches Sporttape sehen auf den ersten Blick vielleicht ähnlich aus, funktionieren aber auf völlig unterschiedliche Art und Weise und verfolgen vor allem unterschiedliche Ziele.


Klassisches Sporttape ist unelastisch und wirkt in erster Linie mechanisch. Es dient dazu, Bewegungen einzuschränken, Gelenke zu stabilisieren und Strukturen kurzfristig zu schützen. Büscher macht das an einem Beispiel aus dem Profifußball deutlich:

„Stellen wir uns vor, wir sind im WM-Finale und in der 89. Minute kriegt Florian Wirtz einen auf sein Sprunggelenk – dann bringt es natürlich relativ wenig, wenn der Physio aufs Spielfeld läuft und sagt: ‚Komm Flo, ich mache dir jetzt ein Kinesio-Tape, damit du weiterhin deine full range of motion hast.' In der Situation versucht ihr, das Sprunggelenk zu stabilisieren – und ob am Ende noch Blut in seinem kleinen Zeh ankommt oder nicht, ist in diesen zehn Minuten egal."

Kinesiologisches Tape funktioniert anders. Statt zu immobilisieren, erhält es die Beweglichkeit deutlich stärker, wirkt über sensorische Reize und kann dadurch unter anderem die Wahrnehmung und Bewegungskontrolle beeinflussen. Es eignet sich besonders dann, wenn Bewegung erhalten oder früh wieder aufgebaut werden soll.


Das macht es im Sport vor allem dort wertvoll, wo nicht maximale Ruhigstellung, sondern kontrollierte Aktivität gefragt ist.

schwarze rolle kinesiotape

Kinesiologietape

Sensorisch
"full range of motion"
Verursacht keinen zirkulatorischen Stau
Techniken des kinesiologischen Tapings
rolle pinofit sporttape

Sporttape

Mechanisch
Funktionelle Immobilisation (reduzierte "range of motion")
Schützt die getapte Struktur
Stützt die Muskulatur
Entlastet die Muskulatur
Stabilität kann zu einem zirkulatorischen Stau führen
Abb. aus dem Webinar "PINOTAPE in der Sportphysiotherapie" mit Thorsten Büscher

Von PECH zu PEACE and LOVE

Ein Thema, das im Zusammenhang auch aufkommt, ist die veränderte Sicht auf die Akutversorgung von Sportverletzungen. Vielen ist noch die klassische PECH-Regel bekannt: Pause, Eis, Kompression, Hochlagern. Diese war lange der Standard und findet sich auch heute in zahlreichen Darstellungen zur Erstversorgung wieder. Inzwischen hat sich das Verständnis allerdings weiterentwickelt. Weg von langer Ruhigstellung und passiver Versorgung und hin zu einer funktionellen und aktiven Herangehensweise. Im aktuellen sportphysiotherapeutischen Denken steht nämlich stärker im Vordergrund, wie nach einer akuten Verletzung möglichst früh wieder funktionell gearbeitet werden kann.

 

Als aktuelles Modell stellte Thorsten das Konzept „Peace and Love“ vor.

 

Peace: Direkt nach der Verletzung

Protection (Schutz) - Die ersten ein bis drei Tage: Schutz, Entlastung, Bewegung reduzieren
Elevation (Hochlagern) - Hochlagern, damit Flüssigkeit abfließen kann
Avoid Anti-Inflammation (Entzündungshemmer vermeiden) - Entzündungsprozesse haben ihren Sinn, wer aber zu früh mit Ibuprofen und Co. eingreift, kann den Heilungsprozess stören und damit verlangsamen
Compression (Kompression) – Tape oder Bandagen können helfen, Schwellungen zu begrenzen
Education (Aufklärung) - Information und somit ein bewusster Umgang mit Verletzungen sind wichtig! Mit aktiver Erholung so früh wie möglich wieder in moderate Bewegung kommen.

Auf die Akutphase folgt dann Love

 

Love: Früh wieder aktiv werden

Load (Belastung) - Belastung soll frühzeitig und schmerzadaptiert aufgebaut werden
Optimism (Optimismus) - Eine positive Haltung und gute Kommunikation sind wichtige Faktoren im Heilungsverlauf
Vascularisation (Durchblutung) - Bewegung fördert die Durchblutung und damit die Heilung
Exercise (Übungen) – Ein aktiver therapeutischer Ansatz hilft dabei, schon früh die Beweglichkeit und Koordination wiederherzustellen

Daraus wird klar: Statt über Wochen zu schonen, sollte so früh wie möglich wieder in eine angepasste Aktivität gefunden werden. Und genau hier liegt aus Sicht von Thorsten Büscher eine der wichtigsten Schnittstellen zwischen Sportphysiotherapie und kinesiologischem Taping.

1. Die externe Evidenz
Der wissenschaftliche Kompass

Umfasst die derzeit besten verfügbaren Erkentnisse aus der klinischen Forschung
Therapeuten greifen auf hochwertige Studien, systematische Übersichtsarbeiten & aktuelle klinische Leitlinien zurück
Ziel: Therapiemethoden anwenden, deren Wirksamkeit objektiv nachgewiesen wurde

2. Die klinische Expertise
Die Kunst der Anwendung

Wissenschaft alleine reicht nicht aus, da Studien oft nur Durchschnittswerte abbilden
Klinische Expertise beschreibt die Erfahrung, das handwerkliche Geschick und das klinische Urteilsvermögen des Therapeuten
Theoretische Forschungsergebnisse kritisch hinterfragen und sie sicher auf die individuelle Situation des Patienten zu übertragen

3. Die Patientenpräferenzen
Der Mensch im Mittelpunkt

Moderne Physiotherapie versteht den Patienten als aktiven Partner
Seine persönlichen Ziele, Erwartungen, Ängste und seine soziale Lebenssituation sind entscheidend für den Therapieerfolg
Eine Behandlung ist nur dann nachhaltig, wenn sie im Einklang mit den Werten des Patienten steht

Vorteile von Kinesiologie Tape im Sport

Kinesiologie Tape passt sehr gut zu diesem modernen Verständnis von Therapie, weil es nicht auf vollständige Immobilisation setzt, sondern auf Unterstützung innerhalb von Bewegung. Im sportlichen Alltag geht es selten nur darum, verletzte Strukturen kurzfristig zu entlasten. Vielmehr geht es darum, wie die Belastung weiterhin möglich bleibt, wie Bewegung sinnvoll begleitet werden kann und wie Athleten möglichst schnell wieder in funktionelle Aktivität zurückfinden.

 

Tape ist kein Ersatz für Training und auch keine isolierte Maßnahme, sondern vielmehr ein Baustein in einem aktiven Gesamtkonzept. Es kann:

Bewegungen begleiten statt blockieren,
sensorische Rückmeldungen verbessern,
funktionelle Stabilität unterstützen,
den Körper in aktiven Phasen der Rehabilitation begleiten,
und im Trainingsalltag als ergänzende Maßnahme genutzt werden.

Grenzen der klassischen Tapes

Trotz aller Vorteile des kinesiologischen Tapings wird deutlich, dass das klassische Sporttape weiterhin einen festen Platz haben wird. Vor allem in akuten Wettkampfsituationen, in denen unmittelbare Sicherung benötigt wird, ist ein festes Tape oft die sinnvollere Wahl.

 

Büscher kennt jedoch auch Spieler aus dem Profifußball, die sich vor jedem Training und jedem Spiel das Sprunggelenk fest tapen lassen. Das Problem: Wer dauerhaft von außen stabilisiert wird, baut kaum noch aktive Stabilität auf.

So hilfreich das Tape in akuten Situationen im Sport sein kann, es ist kein Ersatz für Training, keine vollständige Therapie und keine universelle Lösung für jede Beschwerde.

Präventiv tapen

Präventives Tapen kann dort sinnvoll sein, wo bestimmte Bewegungsmuster gezielt unterstützt werden sollen, Belastungsmuster erkennbar sind oder funktionelle Auffälligkeiten sichtbar sind. Wichtig ist jedoch, präventives Tapen nicht unreflektiert und vor allem nicht erstmals direkt im Wettkampf einzusetzen. Wenn getapt wird, sollte die Maßnahme im Training ausprobiert und gemeinsam mit den Athleten abgestimmt sein.

 

Gerade in diesem Bereich spricht vieles für Kinesiologie Tape statt für starres Tape, da es die aktive Stabilität, Sensorik und Eigenkontrolle weniger stark einschränkt.

Fazit

Richtig angewendet ist Kinesiologie Tape damit ein durchdachter Baustein in einem modernen, aktiven Behandlungskonzept in der Sportphysiotherapie.


Es hat sich als ergänzende Maßnahme etabliert, weil es Bewegung nicht verhindert, sondern funktionell unterstützt. Gerade in einem therapeutischen Verständnis, das auf frühe Aktivität, Belastungssteuerung und aktive Rehabilitation setzt, passt elastisches Tape sehr gut in den sportphysiotherapeutischen Alltag. Es kann sowohl Wahrnehmung, als auch Bewegungskontrolle und funktionelle Stabilität begleiten, ersetzt jedoch weder gezieltes Training noch eine fundierte Therapie.


Gleichzeitig zeigt sich, dass nicht jedes Tape dasselbe Ziel verfolgt. Während klassisches Sporttape in akuten Wettkampfsituationen dort wichtig bleibt, wo schnelle mechanische Stabilisierung gefragt ist, bietet Kinesiologie Tape Vorteile überall dort, wo Beweglichkeit erhalten und aktive Prozesse gefördert werden sollen. Entscheidend ist daher nicht die Frage, welches Tape grundsätzlich besser ist, sondern welche Maßnahme in welcher Situation sinnvoll eingesetzt wird.

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